Zeit für Führung oder: Wann führst du eigentlich?
Seit mehr als 30 Jahren beschäftige ich mich mit Führung, als Führungskraft, Geschäftsführer, Trainer und Berater. In dieser Zeit habe ich viele sehr unterschiedliche Führungskräfte erlebt. Engagierte Menschen, die Verantwortung übernehmen, fachlich hervorragend sind und jeden Tag versuchen, ihren Bereich voranzubringen.
Und trotzdem begegnet mir ein Problem immer wieder:
Viele Führungskräfte haben zu wenig Zeit für Führung.
Oder genauer gesagt: Sie nehmen sich zu wenig Zeit dafür.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn wenn du Führungskraft bist, dann ist Führung nicht die Tätigkeit, die du ausübst, wenn deine „eigentliche Arbeit" erledigt ist. Führung ist deine eigentliche Arbeit.
Der beste Sachbearbeiter im Team
Ein Phänomen sehe ich besonders häufig: Führungskräfte sind gleichzeitig die besten Sachbearbeiter ihres Bereichs.
Das ist zunächst einmal nachvollziehbar. Schließlich wurden viele genau deshalb zur Führungskraft. Sie waren fachlich gut, zuverlässig, engagiert und haben Probleme gelöst, bei denen andere nicht weiterkamen.
Dann kommt die Beförderung.
Und was passiert anschliessend?
Im Grunde dasselbe wie vorher, nur zusätzlich mit Führungsverantwortung.
Viele bearbeiten weiterhin die schwierigsten Fälle, springen ein, wenn es irgendwo brennt, korrigieren Ergebnisse ihrer Mitarbeitenden und kümmern sich persönlich um wichtige Kunden oder Projekte. Und weil sie darin richtig gut sind, gibt ihnen diese Arbeit ein gutes Gefühl.
Am Abend können sie sagen: Das habe ich erledigt. Dieses Problem habe ich gelöst. Diesen Kunden habe ich zufriedengestellt.
Sacharbeit ist häufig angenehmer als Führung
Bei Führung ist das anders.
Ein Vorgang lässt sich abschließen. Ein Angebot kann versendet werden. Eine Präsentation ist irgendwann fertig. Eine Excel-Tabelle ist bearbeitet.
Ein Mitarbeiter dagegen ist niemals „fertig".
Führung ist weniger eindeutig. Sie braucht Gespräche. Du musst zuhören, Fragen stellen, Erwartungen formulieren, Entscheidungen erklären und manchmal auch unangenehme Dinge ansprechen.
Und vor allem: Die Wirkung guter Führung ist häufig nicht sofort sichtbar.
Wenn du heute eine Stunde in ein gutes Gespräch mit einem Mitarbeiter investierst, siehst du möglicherweise erst Wochen oder Monate später, was diese Stunde bewirkt hat.
Wenn du dagegen selbst eine Aufgabe erledigst, siehst du das Ergebnis sofort.
Also greifst du unter Zeitdruck gerne zu dem, was dir Sicherheit gibt und was du beherrschst.
Du arbeitest.
Nur führst du dabei immer weniger.
„Ich habe keine Zeit für Führung."
Diesen Satz höre ich seit Jahrzehnten.
Und ich halte ihn für gefährlich. Oft ist er schlicht eine Ausrede.
Denn er klingt so, als wäre Führung eine zusätzliche Aufgabe. Als gäbe es das operative Geschäft und irgendwo daneben noch ein bisschen Führung.
Aber stell dir einmal einen Vertriebsleiter vor, der sagt: „Diese Woche hatte ich leider keine Zeit für Vertrieb."
Oder einen Produktionsleiter: „Für die Produktion bin ich diese Woche leider nicht gekommen."
Das würde dir wahrscheinlich merkwürdig vorkommen.
Bei Führung akzeptieren wir diesen Satz erstaunlich schnell.
Dabei besteht deine Aufgabe als Führungskraft gerade darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen andere Menschen erfolgreich arbeiten können.
Das bedeutet für mich: Orientierung geben. Prioritäten setzen. Entscheidungen treffen. Verantwortung übertragen. Hindernisse beseitigen. Menschen entwickeln. Konflikte bearbeiten. Feedback geben. Kommunikation ermöglichen. Und manchmal auch einfach präsent sein.
Das alles kostet Zeit.
Führung ohne Zeit gibt es nicht.
Aber was bedeutet Führung eigentlich?
Hier liegt aus meiner Erfahrung ein weiterer Grund für das Problem.
Viele Führungskräfte wissen sehr genau, was ihre fachlichen Aufgaben sind. Aber wenn ich frage: „Was genau ist eigentlich deine Aufgabe als Führungskraft?", wird es häufig erstaunlich still.
Natürlich kommen Antworten wie Mitarbeitergespräche, Zielvereinbarungen, Meetings oder Jahresgespräche.
Aber das sind Termine und Instrumente.
Das ist noch keine Führung.
Führung bedeutet für mich vor allem, Wirksamkeit zu ermöglichen.
Als gute Führungskraft musst du nicht selbst die meisten Probleme lösen. Du musst dafür sorgen, dass dein Bereich Probleme lösen kann.
Du musst nicht auf jede Frage die beste Antwort haben. Du solltest vielmehr dafür sorgen, dass die richtigen Fragen gestellt werden.
Und du musst nicht der beste Sachbearbeiter deines Teams sein.
Im Gegenteil.
Wenn du als Führungskraft dauerhaft die wichtigste Fachkraft deines Bereichs bleibst, entsteht ein gefährlicher Flaschenhals: Alles läuft über deinen Schreibtisch.
Dann wirst du irgendwann unentbehrlich.
Das klingt zunächst positiv.
Ist es aber nicht.
Als wirklich gute Führungskraft solltest du daran arbeiten, immer weniger unentbehrlich zu sein.
Loslassen ist Führungsarbeit
Das fällt vielen schwer.
Denn Verantwortung abzugeben bedeutet auch zu akzeptieren, dass jemand eine Aufgabe anders erledigt, als du es selbst tun würdest.
Vielleicht braucht der Mitarbeiter länger.
Vielleicht wählt der Mitarbeiter einen anderen Weg.
Vielleicht ist das Ergebnis zunächst nur zu 90 Prozent so, wie du es selbst gemacht hättest.
Dann ist die Versuchung groß zu sagen: „Komm, gib her. Ich mache das schnell."
Kurzfristig sparst du damit tatsächlich Zeit, langfristig kostet es dich enorm viel Zeit.
Denn der Mitarbeiter lernt: Wenn es schwierig wird, übernimmt der Chef.
Und du als Führungskraft lernst: Ohne mich funktioniert es nicht.
Beide Seiten bestätigen sich gegenseitig in einem System, das immer abhängiger von dir als Führungskraft wird.
Gute Führung macht genau das Gegenteil.
Du entwickelst Menschen so, dass sie selbst Verantwortung übernehmen können.
Führung muss im Kalender sichtbar sein
Deshalb empfehle ich dir eine sehr einfache Übung.
Öffne deinen Kalender der vergangenen vier Wochen.
Und stelle dir eine Frage:
Wo sehe ich dort Führung?
Nicht Administration. Nicht Projektarbeit. Nicht Kundentermine. Nicht operative Meetings.
Sondern echte Führungszeit.
Wo hast du dich mit der Entwicklung deiner Mitarbeitenden beschäftigt?
Wo hast du Feedback gegeben?
Wo hast du Erwartungen geklärt?
Wo hast du über die Zukunft deines Bereichs nachgedacht?
Wo hast du einem Mitarbeiter geholfen, selbst eine Lösung zu entwickeln, statt ihm deine Lösung zu geben?
Wo hast du Konflikte angesprochen, bevor sie eskaliert sind?
Und wo hast du dir einfach einmal Zeit genommen zuzuhören?
Wenn du Führung in deinem Kalender kaum findest, solltest du dich nicht wundern, wenn du Führung auch in deinem Bereich kaum spürst.
Zeit für Führung entsteht nicht von allein
Natürlich kenne ich die Realität.
Posteingänge sind voll. Kunden wollen Antworten. Projekte laufen parallel. Kennzahlen müssen geliefert werden. Die nächste Präsentation wartet. Und selbstverständlich ist gerade irgendwo etwas dringend.
Deshalb wird es niemals den Moment geben, an dem plötzlich nichts mehr zu tun ist und du denkst:
„Wunderbar. Jetzt habe ich endlich Zeit zum Führen."
Dieser Moment kommt nicht.
Zeit für Führung musst du dir nehmen.
Und das bedeutet zwangsläufig, andere Dinge nicht mehr selbst zu tun.
Vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Entwicklungen auf dem Weg von der Fach- zur Führungskraft: Dein eigener Wert entsteht nicht mehr hauptsächlich daraus, was du selbst erledigst.
Dein Wert als Führungskraft zeigt sich zunehmend darin, was durch Andere möglich wird.
Das erfordert Vertrauen in deine Mitarbeitenden, aber auch Vertrauen in dich selbst.
Eine unbequeme Frage zum Schluss
Wenn du Führungskraft bist, nimm deinen Kalender zur Hand und schau auf die kommende Woche.
Wie viele Stunden verbringst du mit Sacharbeit?
Wie viele mit Administration?
Wie viele mit Meetings?
Und wie viele Stunden hast du tatsächlich für Führung reserviert?
Wenn deine Antwort lautet: „Dafür habe ich gerade keine Zeit", dann möchte ich dir nach mehr als 30 Jahren Führungserfahrung eine andere Frage stellen:
Wenn du als Führungskraft keine Zeit für Führung hast - wer führt dann eigentlich deinen Bereich?
Der Kern des Artikels ist für mich genau diese Verschiebung: Weg von „Führung ist eine zusätzliche Aufgabe" hin zu „Führung ist die Aufgabe".
Denn am Ende entscheidet sich gute Führung nicht daran, wie viel du selbst erledigst.
Sondern daran, was du durch Führung möglich machst.
Also plane dir ab heute jeden Tag deine Zeit für Führung in den Kalender als festen Termin ein!